Die Schwester der Sorge

 

 

„Wen ich einmal mir besitze,

Dem ist alle Welt nichts nütze.

Ewiges Düstre steigt herunter,

Sonne geht nicht auf noch unter.

Bei vollkommnen äußern Sinnen

Wohnen Finsternisse drinnen.

Und er weiß von allen Schätzen

Sich nicht in Besitz zu setzen.

Glück und Unglück wird zur Grille,

Er verhungert in der Fülle,

Sey es Wonne, sey es Plage,

Schiebt er’s zu dem andern Tage,

Ist der Zukunft nur gewärtig,

Und so wird er niemals fertig.“

— Goethe, Faust II

 

 

Goethes Verse lesen sich wie eine poetische Beschreibung unserer heutigen Sicherheitswirklichkeit. Was als Fürsorge begann, ist zur Pathologie geworden. Die Sicherheit ist die Schwester der Sorge – und gemeinsam haben sie ein Bollwerk gebaut, in dem nicht mehr gearbeitet, sondern nur noch bilanziert und bewertet wird.

Wir leben im goldenen Zeitalter der präventiven Blockade. Nicht, weil die Welt gefährlicher geworden wäre, sondern weil sich eine ganze Industrie darauf spezialisiert hat, aus hypothetischen Risiken reale Hindernisse zu konstruieren. TÜV, DIN, Unfallversicherer, Sachverständige, Prüfinstitutionen – sie alle leben nicht von dem, was ist, sondern von dem, was sein könnte. Ihre Währung ist die Sorge. Und ihr Kapital ist der Stillstand.

Je höher das Sicherheitsniveau, desto größer die Angst vor seiner Unterschreitung. Ein Paradoxon mit System. Der TÜV braucht neue Prüfanlässe, um seine wirtschaftliche Grundlage zu sichern. Normungsgremien produzieren Standards, damit die nächste Novellierung nicht ausbleibt. Die Unfallversicherung denkt Worst-Case-Szenarien, damit sie weiter „beraten“ kann. Und was beraten wird, muss natürlich dokumentiert, geschult, zertifiziert, kontrolliert und überprüft werden. Immer wieder. Zyklisch. Ewig.

 

Das Ergebnis: Es wird nicht mehr gearbeitet, es wird vorbereitet. Und das in zunehmender Perfektion.

 

Man braucht heute:

 

* eine Gefährdungsbeurteilung für das Abhängen eines Banners,

* eine Betriebsanweisung für das Aufrollen eines Kabels,

* eine Zertifizierung für das Klettern auf eine Leiter,

* und eine Normreferenz, um ein Klemmbrett auf einer Traverse zu befestigen.

 

Ein Kollege sagte neulich: „Ehe du heute einen Nagel in die Wand schlägst, fällt die Wand aus Altersgründen um.“ Der Satz ist drastisch, aber zutreffend. 

 

Denn ehe man den Nagel schlägt, muss man:

 

* die Wand auf Schadstoffe prüfen,

* den Untergrund dokumentieren,

* die Belastbarkeit nachweisen,

* und sicherstellen, dass der Hammer eine CE-Kennzeichnung hat.

 

Willkommen im Zeitalter der Sorgenvorsorge.

Die Sicherheitsindustrie agiert wie eine Art Schattenregierung: Sie erlässt keine Gesetze, aber diktiert die Praxis. Und wer sich ihrer Logik entzieht, wird zum Risikofaktor erklärt – nicht, weil er etwas falsch macht, sondern weil er nicht genug Sorge trägt. Wer sich keine Sorgen macht, gefährdet den Betrieb.

Die eigentliche Pointe aber ist: Je mehr wir absichern, desto weniger trauen wir uns. Wo früher Handlung war, ist heute Inaktivität. Wo früher Entscheidungen getroffen wurden, werden heute Verantwortlichkeiten delegiert. Und weil niemand mehr unterschreiben will, unterschreibt man lieber gar nichts. Oder wartet. Oder fragt einen externen Gutachter. Oder gleich mehrere – zur Sicherheit.

 

 

Kipppunkt erreicht: Die überwachungsbedürftige Anlage als Totalschaden einer Idee

 

Es gibt Momente, in denen ein System sich selbst überdreht. In denen eine vermeintliche Präzisierung nicht zur Verbesserung führt, sondern zur Selbstsabotage. Ein solcher Moment kündigt sich aktuell mit der geplanten Einstufung maschinentechnischer Arbeitsmittel in Theatern als „überwachungsbedürftige Anlagen“ an.

Damit würde der Vorhangzug, die Traverse, das Portal, die Obermaschinerie in dieselbe regulatorische Klasse fallen wie Dampfkessel und Großfahrstühle. Mit dem Unterschied, dass sie – anders als ein Aufzug in einem Kaufhaus – täglich von qualifizierten Fachkräften gefahren, gewartet und angepasst werden. Und das unter einem jahrzehntelang bewährten sicherheitstechnischen Regime, das genau auf die spezifischen Anforderungen des Kulturbetriebs zugeschnitten ist.

Doch hier liegt der perfide Mechanismus: Gerade weil diese Strukturen gut funktionieren, sind sie für die Sicherheitsindustrie ein Dorn im Auge. Es fehlt an marktfähigen Prüfintervallen. An monetarisierbaren Überwachungsbedarfen. Die logische Lösung: Man schafft einen Bedarf. Man erklärt das bisher funktionierende System zum Risiko – durch Definition. Und plötzlich steht eine ganze Branche vor dem Abgrund, nicht wegen mangelnder Sicherheit, sondern wegen übersteigerter Regulierung.

Dieser Schritt ist kein Unfall. Er ist die konsequente Fortsetzung eines Systems, das sich selbst erhalten muss – durch Ausweitung. Doch genau hier könnte ein Kipppunkt erreicht sein. Denn wenn ausgerechnet dort, wo hochqualifizierte Fachleute tagtäglich sichere Prozesse garantieren, externe Prüfstellen auf einmal die Herrschaft übernehmen sollen, dann geschieht etwas Grundlegendes: Die Praxis wird entmündigt. Die Kompetenz wird entwertet. Und das Vertrauen wird gebrochen.

Man könnte auch sagen: Die Sorge hat sich an sich selbst verschluckt. Das System implodiert.

 

Nach wie vor steht in Theatern eines unverrückbar fest: Der Premierentermin. Nicht aus Leichtsinn, sondern aus Prinzip. Eine Premiere war ein kollektives Versprechen – gegenüber Publikum, Ensemble, Institution. Immer öfter ist dieser Moment ein Vorschlag unter Vorbehalt. Denn ob gespielt werden darf, entscheidet mitunter ein noch fehlendes Freigabedokument: ein Prüfprotokoll für die Lastaufnahme der Prospektwinde. Oder ein fehlender Passus in der Gefährdungsbeurteilung für die temporäre Umgangsbeleuchtung.

Die Premiere ist damit nicht mehr Zielpunkt gelebter Praxis, sondern Kreuzungspunkt multipler Genehmigungszyklen. Und wo einst Technik, Kunst und Handwerk ineinandergriffen, da herrscht heute: ritualisierte Verantwortungslosigkeit.

Und währenddessen sitzen sechs Leute in einer Sitzung und debattieren über die Normkonformität eines Rollwagens, der seit 15 Jahren im Bestand ist. Ohne Auffälligkeit. Aber eben auch ohne aktuellen Statusbericht.

Goethes Diagnose ist brutal präzise: „Ist der Zukunft nur gewärtig, und so wird er niemals fertig.“

Wir haben das Prinzip der Vorsicht in ein Glaubenssystem verwandelt. Wer nicht alles tut, um auch den fernsten Unfall zu verhindern, gilt als Ketzer. Und die größte Sünde ist heute nicht der Fehler, sondern das Risiko.

 

Vielleicht bald: Sicherheitsklasse III für Klavierdeckel

 

Ein Szenario aus der nahen Zukunft:

Der Pianist will proben. Der Inspizient unterbricht: „Darf der Deckel geöffnet werden?“

Eine Kollegin blättert im Handbuch „Sicherer Umgang mit Flügeln“.

Kapitel 6: Bewegliche Teile.

„Nur nach Einweisung durch zertifizierte Fachkraft für Instrumentendeckelbewegung.“

Der Pianist lächelt. Und improvisiert. Auf geschlossenem Deckel. Sicher ist sicher.

 

Es ist höchste Zeit, den Diskurs umzudrehen. Sicherheit darf kein Selbstzweck sein. Sie muss das Arbeiten ermöglichen – nicht es verhindern. Sie muss Handlung schützen – nicht Verantwortung lähmen.

Denn der letzte Vorhang fällt nicht wegen eines fehlenden Gutachtens.

Er fällt, weil niemand mehr wagt, ihn zu öffnen.

 

 

 

(Ein Artikel aus der BTR 05/2025)